Unheimlich aktuell
Mit «Frank Buchser in Amerika» bringt TOBS! eine historische Solothurner Prominenz auf die Bühne. Eine Vorschau
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Stadttheater Solothurn: Gleich beginnt die Probe. Man spürt, bald muss es sitzen. «Es», das ist das Stück «Frank Buchser in Amerika» aus der Feder von Regisseurin Katharina Ramser. Auf dem Friedhof in Feldbrunnen, wo auch ihr Grossvater begraben ist, war ihr die bronzene Büste Buchsers wiederholt aufgefallen, bis sie irgendwann zu recherchieren begann.
Ein paar Minuten später: Im Karohemd, mit Dreieckstuch um den Hals steht Frank Buchser (Gabriel Noah Maurer) im Rampenlicht. Die Absätze der braunen Lederschuhe abgelaufen, ein Koffer in der Hand: Die Schweiz schickt ihn nach Amerika, nachdem er den Solothurner Regierungsrat Dr. Josef Ackermann (Fabian Müller) mit einer Schnapsflasche am Kopf verletzt hat. Der Nationalrat Jakob Stämpfli (Fabian Müller) besorgt ihm beim Bundesrat Jakob Dubs (Günter Baumann) den Auftrag für ein Gemälde im Bundeshaus. Ein Gemälde mit den «Helden der Schwesternrepublik» Amerika, das «uns jeden Tag daran erinnert, dass wir zum Wohle des Volkes politisieren, dass wir das Recht auf Freiheit und das Recht auf Menschenwürde vor Augen haben müssen, wenn wir unserem Tagesgeschäft nachgehen», so Stämpfli. Man will Buchser loswerden, um einen allfälligen Skandal zu verhindern. 1866. Solothurn.
Hier beginnt das Stück. Und mit ihm die Zerlegung eines Narrativs. «Die Amerikanische Staatswerdung ist die Geschichte eines Genozids. Und niemand spricht darüber», so Ramser. Niemand, das stimmt nicht. Katharina Ramser hat ein Stück darüber geschrieben. Und zwar noch bevor Donald Trump zum zweiten Mal Präsident der Vereinigten Staaten wurde und laut New York Times vom 7. März die Behörden anwies, Wörter wie «Native American», «women», «racism» oder «social justice» in offiziellen Dokumenten und Mitteilungen nicht mehr oder nur eingeschränkt zu verwenden.
Nun also bricht der Feldbrunner Maler Frank Buchser auf in das vom Bürgerkrieg gebeutelte Amerika. Er verlässt die Schweiz, die mit dem Fortschreiten der Mechanisierung ihre Wirtschaft vorantreiben will. Mit 3000 Franken abgespeist, auf in den «Wilden Westen»! Auch dieser Mythos wird im Verlauf des Stücks dekonstruiert.
Historisch, mit Assoziationen zu heute
«Buchser muss ein Anhänger von Rousseau gewesen sein, er teilt die Verklärung des Begriffs der «Edlen Wilden» und träumt davon, sie anzutreffen», so Ramser und weiter: «Dieses Fantasiekonstrukt findet er aber nicht und empört sich darüber, nur ‹jämmerliche und besoffene Gestalten› anzutreffen.» Grundlage für ihre Dialoge waren Originalquellen, allen voran das Tagebuch von Frank Buchser. Daraufhin hat sie 16 Rollen für drei Schauspieler geschrieben.
«Uns interessiert, welches heute Pendants dieser historischen Figuren sind», ergänzt Patric Bachmann, Co-Dramaturg und Co-Direktor Schauspiel. Auch Bühnenbildnerin Stefanie Liniger unterstreicht: «Ich habe mich mit den historischen Figuren auseinandergesetzt, wollte sie aber nicht historisch zeigen, sondern Assoziationen zu heute schaffen.» So ist dieses Schillern zwischen Gestern und Heute von der ersten Szene an präsent. Der Rap, der während der ersten Videoeinspielung zu hören ist, schlägt sofort den Bogen zur Gegenwart. Das «I will not be quiet» einer Frauenstimme verwebt sich in der Wahrnehmung der Zuschauenden mit dem Täfer des Wirtslokals aus dem 19. Jahrhundert. Damit ist das Spannungsfeld geschaffen. Die Geschichte reibt sich an ihren Konsequenzen. (...)
Nichts geblieben
Die Heldenhaftigkeit des Frank Buchsers und seiner Zeit steht nun in Frage, wenn nicht gar am Pranger. Auch wenn das nicht die Intention ist. Die Geschichten aus der Kindheit, die Indianerspiele: Plötzlich ist man sich gar nicht mehr so sicher, wie man selbst zu diesem Narrativ steht. Dem Narrativ, das die Haltung des «weissen Manns» überliefert, so Bachmann. Das geprägt ist von Diskriminierung und unvergleichbarem Rassismus. «Die heutigen ‹Reservations› sind dem amerikanischen Staat unterstellt, den Native Americans ist nichts geblieben», so Ramser. Dass indigene Frauen überdurchschnittlich oft entführt und überdurchschnittlich oft ermordet werden, wird kaum erzählt. Weiter noch: Die Mordfälle werden auch überdurchschnittlich oft nicht aufgedeckt. Zahlen und Fakten, die von Organisationen wie der «Missing and Murdered Indigenous Women» festgehalten werden. Dies und mehr hat Ramser bei ihrer Recherche herausgefunden und verarbeitet. In etwas mehr als zwei Stunden kommt all das auf der Bühne zusammen und macht das Stück unheimlich aktuell.
Premiere: 21.3.2025
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