Journalismus

«Die Wissenschaft ist voller Fiktion»

Die Videokünstlerin Pauline Julier spricht über das Politische ihrer Arbeit und die zentralen Fragen unserer Zeit.

«Es ist das Lebendige, das mich interessiert», sagt Pauline Julier (*1981) bei einem Besuch in ihrem Atelier in Genf. In der Wissenschaft gebe es keine Definition von Leben, die für alle gelte. «Astrophysik, Neurologie, Biologie, diese Disziplinen sind sich nicht einig, was das Leben ausmacht. Gemeinsam ist ihnen aber das Konstruieren von Wissen.»

Pauline Julier setzt sich mit der Beziehung des Menschen zur Welt, mit dem Menschen im Universum auseinander. Das zeigt auch ihre aktuelle Ausstellung im Aargauer Kunsthaus «A Single Universe» (wir berichteten). «Wie wir uns zukünftig ökologisch verhalten, ist eine der grossen Fragen unserer Zeit», so Pauline Julier. Sie brauche das Gespräch mit Anderen, um die Welt zu verstehen. «Ich verbringe viel Zeit im Dialog, in einer Art fortdauernden Konversation, meistens mit Forschenden. Und diese Diskussionen organisiere ich später in meiner Arbeit.» Die Wissenschaft generiere Erzählungen, mehr noch: «Sie ist voller Fiktion.» Hier setzt Pauline Juliers Arbeit an. Sie verschiebt Narrative, verarbeitet sie multimedial zu raumfüllenden Werken.

Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft wollte sie in der humanitären Hilfe Fuss fassen, reiste für mehrere Monate nach Guatemala, wo sie in einem Projekt für Strassenkinder mitarbeitete. «Ich wollte die Welt verändern. Während meiner Arbeit, die mir menschlich sehr zusetzte, habe ich für die Kinder kleine Lochkameras gebaut und mit ihnen fotografiert.» Nach ihrer Rückkehr aus Guatemala wusste sie, in der humanitären Hilfe würde sie nicht bleiben. Sie begann, in Arles Fotografie zu studieren, genauer Fotojournalismus. Bis sie merkte, dass das Bild allein ihr nicht genügte. Heute arbeitet die zweifach mit dem Swiss Art Award ausgezeichnete Künstlerin in interdisziplinären Teams. «Ich verwende oft Text in meinen Filmen, benutze Wörter. Ich liebe es, zu schreiben.» Dass im Medium Video die visuelle Ebene ergänzt wird durch eine auditive und eine narrative, diese Komplexität entspreche ihr.

Von der Krise zu einem neuen Zustand

Als französisch-schweizerische Doppelbürgerin changiert sie zwischen den beiden Zugehörigkeiten. Die ersten Jahre aufgewachsen in der Schweiz, zog sie mit sieben Jahren zusammen mit ihrer Familie nach Frankreich. «Nur zehn Minuten von Genf entfernt, auf der anderen Seite der Grenze.» Dort verbrachte sie ihre Schulzeit. Für ihr Studium ging sie nach Grenoble, dann nach Paris. «Ich habe zwei Kulturen in mir», sagt sie. Im französischen Bildungssystem gross geworden, liegen ihr aber die politischen Gegebenheiten der Schweiz näher. «Der Reichtum der Sprachen, die Vielfalt, welche der Föderalismus ermöglicht – an diese Werte glaube ich.»

Auf die Frage, inwiefern ihre Kunst politisch sei, antwortet sie: «Was heisst es, politisch zu sein? Ja, ich partizipiere an einer Form von sozialer Debatte. Ich erhebe eine Stimme und mache sie sichtbar», so Pauline Julier, und weiter: «Ich positioniere mich zu den aktuellen Fragen unserer Zeit.» Die Bereiche Klima, Welt, Umwelt und Universum, das sind Themen, die uns alle etwas angehen. Sie gehören zu unserem kollektiven Erbe. Das ist heute das Gemeinsame und deshalb auch das Zentrale. Ich sehe keine anderen Themen, die unserer Zeit so sehr entsprechen und die eine solche Dringlichkeit haben.» Doch sie räumt ein: «Bereits vor 15 Jahren, als ich mit der Videokunst begann, sprach man von Dringlichkeit, von Krise. Inzwischen ist es keine Krise mehr, man muss von einem neuen Zustand reden.» (...)

Aargauer Zeitung vom 06. Aug. 2024