Journalismus

Besuch in London – Wo die Künstlerin Judith Albert den neuen Chorraum von St. Ursen entworfen hat

Die Zürcher Künstlerin Judith Albert lebt für ein Jahr in London. Bei einem Besuch im Atelier in Whitechapel erzählt sie von ihrem aktuellsten Projekt, der Neugestaltung des Chorraumes in der Solothurner Kathedrale.

Judith Albert wartet an einer unbefahrenen Strassenkreuzung, nahe der U-Bahnstation Whitechapel. Obwohl bereits dunkel, ist sie sogleich zu erkennen. Ihr langes glattes Haar bewegt sich im Londoner Abendwind, sie trägt es offen, die Schuhe wie aus 1001 Nacht. Sie winkt, empfängt den Gast aus der Schweiz herzlich. Sie wisse, das erste Mal sei die Adresse nicht einfach zu finden. Vor allem Pakistani wohnten hier, erzählt sie ungefragt, es sei ein gutes Quartier, sie fühle sich wohl hier. Und ihre Schuhe wirken plötzlich alles andere als exotisch. Seit fast einem Jahr wohnt die Schweizer Künstlerin zusammen mit ihrem Lebens- und Arbeitspartner Gery Hofer in Whitechapel, in einem von fünf Ateliers der Zuger Landis und Gyr Stiftung.

Sie öffnet die Haustür, geht durch das Schlafzimmer, durchquert einen hübschen Innenhof – fünf Hauseingänge treffen sich da –, um sogleich die Glastüre zu einem grosszügigen Atelier zu öffnen. Hier arbeite sie, das Atelier mit einer hohen Decke aus Glas gehöre zur Wohnung des Stipendiums für Bildende Kunst. Und man glaubt ihr, wenn sie sagt, hier sein zu dürfen sei ein Luxus, ja, ein Geschenk.

«Ein ganzes Werkjahr ist selten und ich schätze es sehr, dass ich hier alle Jahreszeiten erleben kann», schwärmt sie. Gerade bei ihrer Arbeit als Videokünstlerin sei das Licht entscheidend und dies konnte sie ein Jahr lang erfahren. Hier, in diesem Atelier, sei auch das Projekt für Solothurn entstanden und meint damit die Gestaltung des Chorraumes, die im Zusammenhang mit der Renovation der St. Ursen-Kathedrale vorgesehen ist. Man habe sie zusammen mit drei anderen Künstlern zum Wettbewerb eingeladen. Innerhalb von drei Tagen hätte sie sich dann zusammen mit Gery Hofer entschieden, ein Projekt einzureichen. «So eine Anfrage bekommt man wahrscheinlich nur einmal im Leben», begründet sie. Ihr Projekt, das sie zusammen mit ihrem Partner und den Lausanner Architekten Ueli Brauen und Doris Wälchli ausgearbeitet hat, wurde von der Fachjury zur Ausführung empfohlen. Nun werden sie bei der Umsetzung von einem Liturgiker und einer Kunsthistorikerin unterstützt.

Das Projekt besteht im Wesentlichen aus einem Marmoraltar, sieben Tonnen wiegend, der die Form und Struktur eines mit einem Leinentuch bedeckten Tisches hat (wir berichteten). «Die Webstruktur und die Falten des Stoffes wird in Carrara eigens für Solothurn aus dem Marmor heraus gearbeitet», erzählt Albert. So erinnert das Modell des Marmoraltars denn auch an eine grosse, mit einem weissen Tischtuch gedeckte Sonntagstafel. «Die Idee bezieht sich auf Leonardo da Vincis letztes Abendmahl», verrät sie. «Dabei stehen das Herauslösen des gedeckten Tisches aus dem Gemälde und die Umsetzung in Marmor im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit.» Eine weitere Veränderung sei das Herabsetzen des Chorraums um jene zwei Stufen, die erst in den 70er Jahren eingebaut wurden. Damit soll dieser wieder auf seine ursprüngliche Ebene gebracht werden.

Das Projekt in Solothurn ist nicht ihr erstes an der Schnittstelle von Kunst und Religion. Ihm gehen etwa die Neugestaltung der Kirchenfenster der Église Sacré Coeur in Montreux 2010 oder Videoprojektionen zu Passionskantaten von Dietrich Buxtehude in der Matthäuskirche Luzern 2005, voraus.

Sich als Videokünstlerin auf den Raum, die Dreidimensionalität einzulassen, hat für Judith Albert einen besonderen Reiz. Das bewegte, flüchtige Bild für einmal mit harter Materie auszutauschen sei eine interessante Herausforderung. Eine vielschichtige Arbeit zu schaffen, welche die Jahre überdauere und ohne Anleitung funktioniere, sei für sie und ihr Team im Vordergrund gestanden. Auf die Gretchenfrage, die Frage nach ihrem persönlichen Bezug zur Religion, antworten Judith Albert und Gery Hofer: Die eigene Herkunft, die katholische Sozialisierung in der Innerschweiz, schaffe sicher eine gewisse Disposition für solche Projekte.

Am 27. Februar wird das Projekt der Kirchgemeindeversammlung Solothurn zur Genehmigung vorgelegt. Wird das Projekt angenommen, dann wird die Kathedrale bereits im September, wenn Judith Albert und Gery Hofer London wieder verlassen haben werden, die Handschrift des Künstlerpaares tragen. 

Solothurner Zeitung vom 01. Feb. 2012

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